
Ariane Rücker
Fa. P.ost S.kriptum
Lektorin, Autorin, Ghostwriterin
Tel. +49 162 8431904
Begegnung im Regen
«Ach bitte, wie heißt die Haltestelle, an der dieser mächtige Eisenbahnviadukt die Straße überquert?» Amanda umklammert die Haltestange hinter dem Sitz des Busfahrers.
Dennoch hat sie Mühe, sich in dem schwankenden Fahrzeug aufrecht zu halten. Die schmale Fahrbahn, die hier auf beiden Seiten von schroffen Felswänden gesäumt wird, ist unzählige Male geflickt worden und der Bus holpert über sich aneinanderreihende Schlaglöcher durch das enge Tal.
Der betagte Fahrer lässt sich Zeit mit der Antwort. Angestrengt versucht er, durch die verstaubte Scheibe den Blickkontakt zur hitzeflirrenden Straße zu halten. Amanda glaubt schon, er habe sie nicht verstanden.
«Die, wo oben die Burg steht?», fragt er schließlich.
«Ja, die.»
«Wiesberg.»
«Danke. » Amanda sucht ihren Platz auf. Im Vorbeifahren bemerkt sie Malutensilien im Schaufenster eines Hobbyladens. Sie ist seit Tagen auf der Suche nach geeignetem Papier für ihre Landschaftsaquarelle. Vielleicht wird sie auf dem Rückweg hier aussteigen.
Das Ortsschild taucht am Straßenrand auf. Eine kleine Gemeinde im Tiroler Paznauntal. Amanda schaut fasziniert nach vorn. Über der Straße wölbt sich majestätisch der aus Feldsteinen gefügte Viadukt. Flankiert von der trutzigen Burg überspannt er neben der Fahrbahn auch die wild schäumende Trisanna, die sich unmittelbar danach mit der ebenso reißenden Rosanna aus dem Stanzertal zur Sanna vereint. Ein von zwei Elektroloks gezogener Güterzug überquert das Monument und passiert anschließend die Burg. Amanda nimmt die Kulisse in sich auf. Auf ihrem Bild wird eine Dampflok den Zug ziehen. Der Bus hält an und entlässt sie.
Fasziniert hebt sie den Blick. An dem gigantischen schneebedeckten Felsmassiv hinter dem Viadukt verfangen sich Nebelfetzen, die den Himmel schnell in wolkiges Grau hüllen. Es beginnt zu nieseln. Amanda sieht sich ratlos um. Das Vorhaben, jetzt eine Skizze von der Burg und dem Viadukt anzufertigen, muss sie aufgeben. Die Feuchtigkeit lässt ihre Jacke kalt am Körper kleben und fernes Grollen kündigt ein Gewitter an.
Sie sucht nach einem Unterstand, doch die umstehenden Häuser wirken verlassen. Wahrscheinlich sind die Bewohner auf der Arbeit. Blinzelnd schaut sie zur Burg auf. Das jahrhundertealte Massiv hebt sich schwarz vom violett unterlaufenen Himmel ab. Die roten Sommerblumen an den Fenstern passen nicht zu der düsteren Atmosphäre.
Amanda erkennt geöffnete Fenster. Die Eigentümer sind wohl zuhause.
Inzwischen entlädt sich das Gewitter direct über ihr. Die umliegenden Felswände verstärken den rollenden Donner vielfach. Sie kann unmöglich hier stehen bleiben. Zudem reizt sie das geheimnisvolle Gemäuer. Vielleicht erfährt sie von den Bewohnern etwas über die Burg und deren Geschichte. Für die Ausstrahlung ihres Bildes wäre das wichtig.
Amanda nimmt den Pfad, der sich in engen Kurven nach oben schlängelt. Es gießt inzwischen in Strömen.
Trutzig erhebt sich nach wenigen Minuten das alte Bauwerk vor ihr. Ein erneuter Donner prallt von den regendunklen Burgmauern ab, um sich hundertfach an den Gesteinswänden ringsum zu brechen. Amanda rennt die letzten Meter auf das offene Burgtor zu. Nur noch wenige Schritte, der Weg verschwindet hinter der Pforte unter dichten Baumkronen. Ein Schild zwingt sie zum Stehenbleiben.
Privatweg!
Durchgang und Durchfahrt bei Strafe verboten!
Achtung - scharfe Hunde.
»Scharfe Hunde», sinniert Amanda.
Die Bewohner werden doch nicht die Tiere auf sie hetzen, weil sie um einen Unterschlupf bittet! Geschickt sucht sie sich einen Weg zwischen den Pfützen.
«Ich dachte immer, die hatten schon im Mittelalter Pflasterstraßen!», schimpft sie laut, während das Wasser in ihre Schuhe dringt.
In das Prasseln des Regens dringt ein heiseres Röcheln. Ihr Blick erfasst einen dunklen Trenchcoat, flankiert von zwei wild an der Leine reißenden Dobermännern. Amanda fürchtet sich nicht vor Hunden. Aber diese hier sind zweifellos darin geübt, ihr Revier zu verteidigen. Angst schnürt ihr die Kehle zu.
«Was wollen Sie?», herrscht der Mann sie an. Seine Augen verschwimmen hinter rechteckigen Brillengläsern, auf denen sich Regentropfen sammeln. Amanda erholt sich nur langsam von dem Schreck. Atemlos zeigt sie nach oben. Ohrenbetäubender Donner versschluckt jedes weitere Geräusch. Die schwarze Silhouette der Burg tritt vor dem nachfolgenden Blitz gespenstisch hervor.
«Ich ... darf ich mich bei Ihnen unterstellen?» Amanda denkt unwillkürlich an das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse. Die hatte einen herzlicheren Empfang.
«Können Sie nicht lesen?», wird sie angefahren.
«Doch, aber ...»
«Machen Sie, dass Sie fortkommen, sonst lasse ich die Hunde los.»
Amanda erblasst. Langsam bewegt sie sich rückwärts. Der Mann muss den Verstand verloren haben. Was, wenn er tatsächlich seine Bestien auf sie hetzt? Sie versucht, in seinem Gesicht zu lesen, doch der Hut und der hochgestellte Mantelkragen verdecken seine Züge.
«Wird´s bald?»
«Ich gehe ja, aber halten Sie die Hunde fest.»
Raues Lachen. Amanda rennt um ihr Leben. Mehrmals strauchelt sie auf dem steil abfallenden Geröllweg, rappelt sich wieder auf, hastet weiter, ständig das Hecheln der Hunde im Ohr. Abgehetzt erreicht sie die Bushaltestelle an der Talstraße. Atemlos klammert sie sich an das Haltestellenschild. Der Bus zurück fährt erst in einer Stunde. Vergeblich sucht sie nach einer geschützten Stelle. Das Bushäuschen ist schmutzig und zugig. Irgendwer hat die Scheiben zerschlagen und das Dach leckt. Angst und Kälte treiben Amanda weiter. Sie schlägt die Kapuze ihrer Jacke hoch und setzt sich in Bewegung. Lieber läuft sie bis zur nächsten Haltestelle, als hier zu warten. Autos mit erleuchteten Scheinwerfern bespritzen ihre Hosen bis über die Knie. Das Leder ihrer Mokassins ist längst durchweicht.
Endlich entdeckt sie auf der linken Straßenseite eine überdachte Holzbrücke. Erschöpft lässt sie sich auf die rohen Planken fallen. Ihre Zähne klappern, die Kleidung trieft vor Nässe.
Feiner Niesel legt sich auf Amandas Gesicht. Sie vermag nicht zu sagen, ob es der Regen ist, der über die Brüstung spritzt oder die Gischt des tobenden Gebirgsbaches unter ihr, die durch die breiten Ritzen der Holzplanken stiebt.
«Na, auch auf der Flucht vor dem Wetter?» Ein junger Mann lässt sich direkt neben ihr auf den Planken nieder. Amanda schätzt ihn auf Anfang Zwanzig wie sie selbst. Seine Jacke hat durch den Regen eine undefinierbare Farbe angenommen, scheint aber aus teurem Material zu sein, ebenso wie die dunkle Hose und die Lederschuhe.
Feine Tröpfchen sammeln sich auf seinem Gesicht, rinnen ihm über die Wangen und das Kinn am Hals hinab, wo sie im Ausschnitt des Shirts versickern.
«Ich bin Krispin», sagt er und reicht Amanda die Hand.
Er ist braun gebrannt, schwarze Locken ringeln sich bis auf seine Schultern. Dunkle Augen blicken Amanda herzlich entgegen. Zaghaft nennt sie ihren Namen.
«Du siehst aus, als wolle Dir jemand ans Leder», bemerkt Krispin.
«Wenn Du wüsstest! Ich war bei der Burg und wollte mich unterstellen. Aber ich wurde behandelt, wie eine Schwerverbrecherin.»
«Ich weiß, was Du meinst.» Krispin legt seinen Arm um Amandas Schulter und schirmt sich damit etwas gegen die Gischt ab. Sie kuschelt sich an seinen warmen Körper und atmet irritiert seinen Duft ein, eine Mischung aus Rasierwasser, Leder und Mann.
«Bist Du hier aufgewachsen?»
«Kann man so sagen.» Er macht eine Pause, scheint sich zu erinnern.
«Sie haben nicht viel Glück gehabt, die da oben», be- ginnt er. Sanft streichelt er mit dem Daumen über Amandas Wange.
«Sie bekamen lange keine Kinder, obwohl sie sich ein ganzes Schloss voll gewünscht hatten. Dann endlich, nachdem sie jede Hoffnung aufgegeben hatten, brachte die Frau einen Sohn zur Welt. Die beiden waren zu dem Zeitpunkt schon über vierzig. Natürlich waren sie überglücklich. Sie vergötterten den Jungen und es gab kaum einen Wunsch, den sie ihm nicht erfüllten. Und wie alle älteren Eltern behüteten sie ihr Kind mehr als andere».
Krispin sieht ihr in die Augen.
«Er hatte nicht viele Kontakte im Tal und zu Mädchen gleich gar nicht. Eines Tages, er war gerade einundzwanzig geworden, gab es ein Gewitter, so wie heute. Eine junge Touristin bat um Schutz und selbstverständlich bat man sie herein. Die von der Burg waren bekannt für ihre Gastfreundschaft und so blieb sie eine Weile. Der Sohn der Herrschaften verliebte sich in das Mädchen. Doch seine Eltern hatten andere Pläne».
«Es klingt, als wärst Du dabei gewesen.»
«Tja, irgendwie waren wir alle dabei.» Krispin atmet tief ein.
«Sicher hatten seine Eltern ihre Gründe, vielleicht hatten sie Erkundigungen eingezogen. Auf jeden Fall stellte sich heraus, dass die junge Frau von verschiedenen Polizeidienststellen gesucht wurde. Es gab einen herzzerreißenden Abschied, als die Eltern das Mädchen fort schickten und noch eine, mindestens ebenso dramatische Szene, als der junge Burgherr den Eltern seine Meinung zu ihrem Verhalten sagte. Danach betrank er sich im Tal in Gesellschaft einiger Jungen aus der Umgebung. Mit denen wettete er, auf dem Heimweg zum Schloss auf dem Brückengeländer unversehrt den Viadukt zu überqueren».
«Über 120 Meter und in 90 Metern Höhe?»
«Ja. Er hatte die Flüsse schon hinter sich, als er fehltrat und vor den Augen seiner Freunde auf die Straße stürzte. Seitdem bleibt die Burg für Fremde verschlossen.»
«Mein Gott. Die armen Leute.» Kripin sieht Amanda in die Augen.
«Ich wusste, Du würdest es verstehen.»
Er erhebt sich und hilft ihr auf.
«Der Regen hat aufgehört.» Amanda blickt auf die Uhr.
«Ich muss mich beeilen», sagt sie. »Wenn ich renne, schaffe ich es rechtzeitig zur Haltestelle.»
«Ich muss da entlang», Krispin zeigt in die andere Richtung. Er nimmt Amanda in die Arme und küsst sie sanft auf den Mund. Dann wendet er sich ab.
Amanda läuft los.
Unter dem Viadukt fällt ihr am Straßenrand ein unscheinbares schmiedeeisernes Kreuz auf. Sie liest die Jahreszahlen.
1975 bis 1996.
‚Auf dem Kreuz stand Krispin’, erinnert sie sich im Bus. «Ciao, Krispin», sagt sie leise. Der alte Busfahrer nickt.
Anmerkung: Auch wenn die romantische Kulisse der Erzählung mit der im Paznauntal übereinstimmt, sind Personen und Inhalt frei erfunden. Das beschriebene Unwetter fand tatsächlich statt und führte im August 2005 in seinem weiteren Verlauf zu einem Hochwasser, dem unter anderem auch der beschriebene Straßenabschnitt und das Kreuz zum Opfer fielen.