
Ariane Rücker
Fa. P.ost S.kriptum
Lektorin, Autorin, Ghostwriterin
Tel. +49 162 8431904
Leseprobe Pauls Wunderkiste
Geschichten aus dem alten Bauernhaus
Weil es mit dem Fernsehen nichts wird, geht Paul in sein Zimmer.
Der Raum ist klein, daher haben nicht viele Möbel Platz. Nur sein Bett, ein Regal für seine Bücher und die Spielsachen und ein Schrank stehen an den Wänden. Eine alte Holztruhe von seiner Uroma steht neben der Tür. Gegenüber der Truhe befindet sich das Fenster. Da Pauls Zimmer direkt unter dem Dach liegt, hat es auf der Fensterseite eine schräge Wand.
Das bringt Paul auf die Idee, sein Zimmer in ein Indianerzelt umzubauen. Er muss nur die langen Vorhänge aus den Schlaufen lösen und schräg durch sein Zimmer ziehen. Fertig ist der Wigwam.
Er setzt sich hinein und überlegt, was ein Indianer alles braucht. Eine Friedenspfeife auf jeden Fall. Und Federschmuck. Ihm fällt ein, dass Mutti in der Truhe die Faschingssachen aufbewahrt. Therese ist im Frühjahr als Squaw gegangen. Ihr Kostüm muss hier drin sein. Er hebt den schweren Deckel an.
Obwohl er bis zum Bauch in der Truhe steckt, findet er es nicht.
Ihm bleibt nichts anderes übrig, als die Truhe auszuräumen und die Sachen im Zimmer auszubreiten.
«Licht aus!», ruft Jule ruppig aus dem Nebenzimmer, als er dazu das Licht anknipst. Jule und Therese wohnen neben Pauls Zimmer, aber weil sich Therese im Dunkeln fürchtet, hat Papa die Zwischentür ausgebaut. Nun scheint Pauls Lampe direkt in Jules Bett. Paul steht inzwischen in der Truhe. Genervt streckt er den Arm nach dem Schalter aus. Jule muss noch lernen, dass Indianer nicht im Dunklen sitzen.
«Wumm!» Um Paul ist es plötzlich stockfinster und sein Arm tut höllisch weh. Er umklammert ihn mit der anderen Hand und beißt sich auf die Lippen, um nicht zu weinen. Indianer sind nämlich sehr tapfer. Das weiß Paul aus den Geschichten, die seine Schwestern manchmal erzählen.
Er probiert, den Deckel anzuheben, aber er hat keine Chance. Komisch, beim Aufmachen war er ihm gar nicht so schwer vorgekommen. Vielleicht ist das Schloss zugeschnappt? Dann muss er hier drinbleiben, bis die anderen ihn beim Frühstück vermissen.
Und wenn sie mich nicht finden? Paul holt tief Luft.
Es riecht nach Seife und altem Holz. Die Dunkelheit fühlt sich an wie eine dicke, schwere Decke. Er tastet seine Umgebung ab. Die Lust aufs Indianerspielen ist ihm vergangen. Hier drin ist es eng wie in einem U-Boot.
«Ich bin Kapitän Kurbelblitz», flüstert er. Das klingt toll. Gleich sagt er es nochmal lauter:
«Ich bin Kapitän Kurbelblitz.» Er drückt einen unsichtbaren Knopf an der Holzwand und hört im Kopf das sanfte «Blubb-Blubb« der Fische. Damit er im dunklen Meer nirgends dagegen fährt, macht er alle paar Sekunden laut «Piiiiiing!» … «Piiiiiing!». Das ist das Sonar. Richtige U-Boote suchen damit nach Hindernissen, das hat ihm ganz früher mal der Opa Merni erklärt, der aber jetzt schon tot ist. Wenn es mit dem Frühstück noch dauert, kann er eine Weile auf Tauchgang gehen.
«Fluten!» ruft er laut.
«Gurgel, gurgel!» Paul lässt das Wasser aus den Tauchtanks. «Blubb-blubb-blubb …». Schade, dass sein U-Boot kein Fenster hat, sonst könnte er die kleinen Bläschen beobachten, die jetzt aufsteigen. Im Hintergrund hört er die Schiffsschraube: «Wusch-wusch-wusch …»
Da ist noch ein anderes Geräusch. Jemand macht sich am Ausguck zu schaffen. Paul greift um sich und ertastet sein Holzschwert.
«Wie kommt das denn hier rein?» Er umklammert den Griff. Gleich wird’s ernst. Als der Deckel angehoben wird, springt er nach oben wie ein echter Musketier.
«Einer für alle, alle für einen!», schmettert er seiner Schwester entgegen.
«Spinnst du?», knurrt Jule. «Mit deinem Lärm weckst du noch Mutti und Papa auf und dann müssen wir wieder beim Frühstück machen helfen.»
Jule hat keine Ahnung, denkt Paul und läuft in die Küche, während Jule zurück in ihr Bett schlurft. Frühstückmachen ist eine tolle Idee, denn wer das Frühstück macht, darf vielleicht fernsehen.