
Ariane Rücker
Fa. P.ost S.kriptum
Lektorin, Autorin, Ghostwriterin
Tel. +49 162 8431904
Leseprobe Fest der Erwartungen
Erstes Weihnachten
Ich arbeite mit Senioren. Im Pflegeheim. Es ist der zweite Advent. Stumm sitzen die Bewohner um den kleinen Kunststoffweihnachtsbaum mit den kunterbunten Kugeln. Sie mögen kräftige Farben. Vielleicht, weil der Alltag so wenig Reize bietet. Oder aus anderen Gründen.
Ich biete an, eine Weihnachtsgeschichte vorzulesen, doch sie haben kein Interesse. Wollen nur in den Schein des elektrischen Teelichtes schauen. Wachskerzen verbietet der Brandschutz.
«Erinnern Sie sich an das erste Weihnachtsfest Ihrer Kindheit?», frage ich und schaue reihum.
«Mein erstes Weihnachtsfest hatte ich mit neun Jahren», erzählt Herr Seidel mit kräftiger Stimme. Er ist der älteste aus dieser Gruppe. Neunzehnhundertvierzig geboren.
«Wir stammen von Schlesien. Aus einem Nest bei Breslau. Die Eltern waren als Landarbeiter beim Grafen angestellt. Für Kost und Logis. Eine Bude hatten sie nicht. Auch keinen Bretterverschlag. Wir wohnten im Stall. Ob Sommer oder Winter war, merkten wir daran, ob es beim Melken kalt an die barbschen Füße war oder ob wir beim Gänsehüten schwitzten. Von Feiertagen hatten wir keine Ahnung. Als ich fünf war, hörten wir plötzlich tagelanges Grollen. Die Front komme näher, wurde gemunkelt. Der Vater war schon seit ein paar Jahren im Krieg. Zuletzt an der Ostfront. Begriffen hab ich´s nicht. Als die Kette der Panzer auf der Dorfstraße nicht mehr abriss, wurden die Bewohner des Dorfes auf Güterwaggons verladen und ins Ungewisse verfrachtet.
Mutter war eine zierliche Frau, die immer gebückt lief, obwohl sie noch keine vierzig war. Von der Feldarbeit. Sie war immer auf den Beinen, kam nie zur Ruhe, aber als man uns zum Bahnhof brachte, fand sie sich nicht zurecht und wir Kinder bemerkten zum ersten Mal, dass sie fast blind war. Sie wischte sich immer wieder mit dem Ärmel über die Augen und flüsterte: «Wenn´s nur der Vater erfährt, wo sie uns hinbringen».
Wir waren dreizehn Geschwister und hatten das Glück, gemeinsam in einem Waggon untergebracht zu sein. Es waren auch Familien getrennt worden. Im Dunkel des Wagens stolperten wir übereinander, wenn wir bei dem dürftigen Tageslicht, das durch die Ritzen sickerte, den Eimer für unsere Notdurft aufsuchten. In Leipzig nahmen uns die Russen in Empfang. Wir standen auf dem zerstörten Hauptbahnhof und hielten uns an den Händen, aus Angst vor dem, was kommen würde. Mit groben Griffen wurden wir auseinander sortiert. Nach Größe wurden uns Hose und Hemd und, soweit vorhanden, sogar dem einen oder anderen ein Paar Schuhe in den Arm gedrückt. Dann gab man uns in einer Schüssel dünne Suppe und einen Kanten graues Brot.
Noch am selben Tag befanden wir uns im nächsten Waggon, nur diesmal wurden der Mutter Decken für uns Kinder mitgegeben. Die Fahrt endete in Lommatzsch bei Meißen. Die Mutter half auf einem Gut in der Küche. Abends brachte sie uns Kindern Kartoffelschalen heim. Auch die eine oder andere Mohrrübe.
Wie wir über den Winter 1945/46 gekommen sind, weiß ich nicht. Die Bäuerin auf dem Gut hatte, nachdem ihr Mann nicht aus dem Krieg heimgekommen war, einen Teil der Felder brach liegen lassen. Die Blätter der wild aufgegangenen Tabakpflanzen haben wir Kinder gepflückt, geglättet und getrocknet. Im Dezember 1949 kehrte der Vater aus dem Krieg heim. Ihm war in Stalingrad die Flucht aus dem Kessel gelungen. Danach war er jahrelang durch die Taiga geirrt, bis ihn jemand fand und seine Überführung in die Sowjetische Besatzungszone veranlasste. In diesem Jahr gab es das erste Weihnachtsfest. Ich war neun und das Geschenk für alle war das Brot, das wir Kinder bei den Russen gegen unseren Tabak getauscht hatten».